![]() |
Statistik, 27.05.2012 203 Länder, 3081 Städte 379 Agenturen & Anbieter 5082 Angebote, 367 Erfahrungsberichte |
| NEU! Wir auf Facebook |
|---|
| Studis aufgepasst! |
|---|
| Auslandszeit |
|---|
|
Mit Travellino zum Auslandsaufenthalt! |
| Werbung |
|---|
Ein mehrmonatiger Schüleraustausch wirkt sich gemeinhin positiv auf die
Entwicklung eines Jugendlichen aus. Darüber besteht in weiten Teilen
unserer Gesellschaft Konsens. Abhängig von der jeweiligen
Schwerpunktsetzung des Betrachters werden dafür unterschiedliche Gründe
angeführt: die einen betonen die einzigartige Chance, durch einen
langfristigen Auslandsaufenthalt eine fremde Kultur zu erleben und den
persönlichen Erfahrungshorizont zu erweitern. Andere stellen hingegen
den Fremdspracherwerb und das Kennen lernen eines ausländischen
Bildungssystems in den Vordergrund. Wieder andere sehen in
Schüleraustauschprogrammen vor allem die Möglichkeit, durch den Aufbau
weltweiter Freundschaften einen Beitrag zur Völkerverständigung leisten
zu können. Vor dem Hintergrund der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung
von Schüleraustauschprogrammen, der allgegenwärtigen
bildungspolitischen Diskussion über PISA & Co. sowie der nicht
unerheblichen Zahl von rund 14.000 deutschen Jugendlichen im Alter von
14 bis 19 Jahren, die im Schuljahr 2005/06 an einem mindestens
dreimonatigen Schüleraustauschprogramm teilnehmen, wäre eine kritisch
aufklärende Medienberichterstattung über dieses Thema essentiell. Diese
zu finden, ist jedoch eher schwierig! Während sich zahlreiche Zeitungen
auf lokaler und regionaler Ebene zumindest bemühen, ihren Lesern das
Thema Schüleraustausch regelmäßig in Form von Erlebnisberichten und
Kurzportraits über einzelne Teilnehmer nahe zu bringen und dabei sowohl
die Vorzüge als auch mögliche Problembereiche dieser Programme zu
thematisieren, ist in der Berichterstattung der überregionalen Presse
in den letzten Jahren leider eine Tendenz zu beobachten, den
Schüleraustausch zu skandalisieren. Insbesondere die großen
Nachrichtenmagazine nutzen den Sommerloch-Monat August für Berichte
über Probleme und zweifelhafte Geschäftspraktiken einiger Veranstalter
im Bereich des Schüleraustauschs. Dass die Hauptausreisezeit der
Austauschschüler in diesen Monat fällt, ist dabei natürlich kein
Zufall. Schließlich kann davon ausgegangen werden, dass neben den
vielen tausend Austauschschülern, die kurz vor dem Beginn ihrer großen
Reise stehen, auch deren Freunde, Eltern und Verwandte zu diesem
Zeitpunkt für dieses Thema sensibilisiert sind — und somit zu den
potentiellen Zeitschriftenkäufern gehören. Das Schema dieser Artikel
ist fast immer identisch: zunächst kommen einige ehemalige
Austauschschüler zu Wort, die schlechte Erfahrungen im Ausland gemacht
haben. Die Spannbreite geht hier von Kakerlaken im Kühlschrank bis zur
sexuellen Belästigung von Austauschschülerinnen. Dann wird die
selbsternannte „Spezial-Verbraucherschutzstelle“ ABI zitiert, die
„naturgemäß“ vor unseriösen Praktiken von Austauschorganisationen
warnt. Schließlich runden einige mehr oder weniger hilfreiche Tipps zur
Auswahl der Organisation den Artikel ab. Erkenntnis fördernd sind diese
Artikel mitunter in der Hinsicht, dass zum Teil tatsächlich
existierende Problembereiche von Schüleraustauschprogrammen
thematisiert werden. So ist es Fakt, dass Austauschschüler und
Gastfamilien aufgrund ihrer unterschiedlichen kulturellen Prägung,
ihrer Normen und Werte, nicht selten aber auch nur deshalb, weil sie
sich als Menschen einfach nicht „riechen“ können, nicht immer
reibungslos zusammenfinden. Das macht das Schüleraustauschprogramm ja
gerade so spannend, und deshalb nehmen auch etwa 25 Prozent der
Programmteilnehmer die Möglichkeit in Anspruch, mit Hilfe ihrer
Austauschorganisation einen Gastfamilienwechsel vorzunehmen. Und
natürlich ist es auch legitim darauf hinzuweisen, dass wohl jede der
derzeit 55 in Deutschland existierenden Austauschorganisationen schon
das eine oder andere Mal bei der Betreuung ihrer Programmteilnehmer
versagt hat. Problematisch ist allerdings eine Zuspitzung auf einzelne
„Katastrophenfälle“, da so impliziert wird, dass es sich hierbei um den
Regelfall handelt. Fragwürdig wird es, wenn Zitate von Schülern völlig
aus dem Zusammenhang gerissen werden, um sie als Kritiker des
Schüleraustauschs präsentieren zu können, obwohl sie nach eigener
Aussage — von einigen kleineren Problemen abgesehen — im Ausland das
tollste Jahr ihres Lebens verbracht haben. Mehr als ärgerlich (und
gleichzeitig wirtschaftlich fatal für die betroffenen
Austauschorganisationen) ist die Praxis, willkürlich zwei oder drei
Veranstalter als Verantwortliche für die Misere von einzelnen
Austauschschülern namentlich zu erwähnen und somit den Eindruck zu
erwecken, dies seien die „schwarzen Schafe“ der Branche. Dabei hätte es
auch jede andere Organisation treffen können, und nicht selten gibt es,
wie so oft im Leben, ohnehin eine Kehrseite der Medaille und somit
häufig nicht nur einen Schuldigen. Gemessen werden sollte die
Aussagekraft solcher Artikel schließich an den Ausführungen einer
Journalistin, die dem Vorwurf der völlig einseitigen Berichterstattung
entgegnete, dass ihr Magazin schließlich auch nicht die 99,9 Prozent
der Flüge thematisiere, die nicht abstürzen. Die Erkenntnis, dass auch
die großen Nachrichtenmagazine nur mit Wasser kochen und nicht immer
ausgewogen berichten, ist nun sicherlich nicht ganz neu. Überraschend
ist es jedoch, dass gerade die um Objektivität bemühte Stiftung
Warentest in die gleiche Bresche schlägt. Ihr im August in der
Zeitschrift „test“ veröffentlichter Beitrag zum Schüleraustausch
verfährt genau nach dem oben skizzierten Schema. Auch hier zeigt sich,
dass die Zeit, die den Autoren von ihrer Redaktion für die Einarbeitung
in ein so komplexes Thema wie das des Schüleraustauschs bewilligt
wurde, für eine fundierte Berichterstattung nicht ausreicht. Dass die
Stiftung Warentest auch noch zum Teil mit fehlerhaften, da
offensichtlich schlecht recherchierten Zahlen arbeitet, ist darüber
hinaus vor dem Hintergrund der Breitenwirkung, die diese „quasi
amtliche“ Veröffentlichung erzielt, eine Katastrophe im Sinne der
Verbraucherinformation. Fazit: Gemessen am Informationswert für die
Leser kann beim Test der Darstellung des Themas Schüleraustausch in den
überregionalen Printmedien nur ein Urteil vergeben werden, nämlich
„mangelhaft“. Wer sich einen gleichsam ausgewogenen wie hintergründigen
Überblick über Schüleraustauschprogramme verschaffen möchte, der sollte
sich die einschlägige Fachliteratur besorgen.
Weiterführende Informationen, umfassende Linklisten sowie eine sehr
aktive High-School-Community mit über 100.000 Beiträgen findet man
unter www.handbuchfernweh.de.
Autor: Thomas Terbeck, weltweiser, (Heft itchy feet)